Eine der ersten Frauen tritt ab

Bis vor etwas mehr als 30 Jahren stand der Beruf des Grenzwächters nur Männern offen. Als dann 1989 die ersten 13 Frauen rekrutiert wurden, gehörte auch Susanne Indolese dazu. Im September tritt sie nun als erste Grenzwächterin überhaupt in den Ruhestand. Für «Forum Z.» hat sie noch einmal auf ihre Karriere in einer Pionierrolle zurückgeblickt.  

05.08.2020, David Marquis

Susanne Indolese

In der Einsatzzentrale Nord der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) sind an diesem Mittwochvormittag im Juli nur fünf Mitarbeitende im Einsatz. Doch es geht zu wie in einem Bienenstock. Am frühen Morgen haben die Kollegen im mobilen Dienst ein mit Kokain und Ecstasy beladenes Auto angehalten. Momentan ist ein Personenwagen unterwegs, der mutmasslich eine grössere Menge unverzolltes Fleisch mitführt. Susanne Indolese sitzt an ihrem Arbeitsplatz hinter fünf grossen Bildschirmen, trägt ihr Headset und koordiniert per Funk ruhig und effizient die Anhaltung des möglichen Schmuggelfahrzeugs. Währenddessen blinken immer wieder rote Lampen auf – es ist der Telefon-Ringruf, der hier nicht klingelt, sondern blinkt. Neue Meldungen und Anfragen von den Mitarbeitenden an der Grenze kommen herein. Über 15 Jahre lang stand Susanne Indolese selbst vorne, nacheinander in Basel-Weil am Rhein/Autobahn, Rheinfelden und beim ehemaligen mobilen Posten Fricktal. Weitere 15 Jahre hat sie nun in der Einsatzzentrale auf dem Gelände des Basler Rheinhafens gearbeitet.

Zuerst den militärischen Gruss lernen

Wenn man Susanne Indolese beobachtet, wie sie in Uniform an ihrem Arbeitsplatz sitzt und mit ihrer abgeklärten und sympathischen Art Aufgabe um Aufgabe abarbeitet hat man das Gefühl, dies sei genau die richtige Tätigkeit für sie. Doch im Gegensatz zu vielen Mitarbeitenden der EZV, die schon als Kind davon geträumt haben, dereinst Grenzwächterin oder Zöllner zu werden, verlief ihr beruflicher Werdegang nicht geradlinig. Auf ihrem Weg zur EZV hat sie ein Bauernlehrjahr absolviert, die Ausbildung zur Charcuterie-Verkäuferin gemacht, Fenster produziert und diese auf der Baustelle montiert. Bei der EZV stieg sie 1988 als Betriebsassistentin ein und fertigte beim Zoll in Riehen Lastwagen ab. Dort wurde sie dann angefragt, ob sie nicht in der allerersten für Frauen offenen Schule die Ausbildung zur Grenzwächterin anpacken wolle. «Ich habe mich schon als Kind mehr für Werkzeug als für Stricknadeln interessiert», erklärt Indolese. In einen vermeintlichen Männerberuf einzusteigen sei für sie deshalb kein Problem gewesen, und: «Auf dem Bau ist der Umgangston wesentlich rauer als beim Grenzwachtkorps.» Doch direkt in Liestal in die Schule einzurücken war für die ersten Frauen noch nicht möglich. Die 13 Pionierinnen mussten zuerst in den «Militärischen Frauenvorkurs» einrücken. Auf dem Lehrplan standen das militärische Grüssen, die Gradabzeichen und der erste Kontakt mit einer Schusswaffe.

Von den Männern immer respektiert

Ein Jahr später stand Susanne Indolese nach bestandener Grundausbildung als brevetierte Grenzwächterin und als noch einzige Frau am Autobahn-Grenzübergang Basel-Weil am Rhein/Autobahn. «Die Herren haben uns Frauen immer respektiert, auch wenn einzelne Bedenken hatten, ob Frauen für diesen Beruf geeignet sind», blickt sie zurück. Sie selbst habe immer verlangt, gleich wie die Männer behandelt zu werden: «Wenn mir ein Mann eine Arbeit abnehmen wollte, habe ich darauf bestanden, sie selbst auszuführen.» Die Arbeit bei der EZV sei körperlich nicht anstrengender als in einem handwerklichen Beruf, sagt sie und fügt an: «Mit dem Alter wird es nicht einfacher. Aber das gilt auch für die Männer.»

Die Eskalation vermeiden

Auch für die Reisenden war es vor 30 Jahren ungewohnt, wenn sie von einer Frau kontrolliert wurden. Doch seien es nicht in erster Linie Männer gewesen, die negativ reagiert hätten: «Wenn es damals Spannungen gab, dann war das eher mit Frauen.» Auch Reisende aus Kulturkreisen, in denen die Gleichstellung weniger etabliert ist, hätten manchmal Mühe bekundet. Susanne Indolese gibt sich diesbezüglich pragmatisch: «Ich habe in solchen Situationen jeweils an einen Kollegen übergeben, um eine Eskalation zu vermeiden.»

Mit dem Velo auf Patrouille

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich nicht nur der Frauenanteil unter den Grenzwächterinnen deutlich erhöht, auch die Arbeitsweise hat sich verändert. «Damals gingen wir noch mit dem Fahrrad in den Langen Erlen auf Patrouille, weil unser Posten nur ein einziges Dienstfahrzeug hatte», erinnert sich Indolese. Heute arbeitet sie in der Einsatzzentrale mit modernsten Informatikmitteln und hat Zugriff auf diverse Datenbanken. «An der Arbeit hier gefällt mir, dass ich die Kollegen bei ihren Aufgaben draussen unterstützen kann», erklärt sie und fügt an: «Auch der ständige Kontakt mit in- uns ausländischen Partnerbehörden ist sehr interessant.» Bald schon wird sie aber ihr Headset das letzte Mal zurück ins Regal stellen und definitiv von der Uniform in die Zivilkleider wechseln. Im Alter von 60 Jahren geht Susanne Indolese nun in den Ruhestand.  

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