Bundesrat senkt Zölle für Textil- und Bekleidungsindustrie: Änderungen und Auswirkungen

Ab dem 1. Juli 2019 kann die Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie Materialien wie Garne, Zwirne, Gewebe und Gestricke sowie gewisse Spezialerzeugnisse zollfrei in die Schweiz importieren. Wie es dazu kam, wer profitiert und verliert – Forum Z. beleuchtet die Hintergründe.

28.06.2019, Ramona Schafer

Die verarbeitende Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie steckt im Dilemma: Für die Produktion ihrer Waren ist sie darauf angewiesen, Vor- und Zwischenmaterialien wie bspw. Garne, Gewebe und Gestricke aus dem Ausland zu importieren. Das deshalb, weil diese Materialien meist nicht in der Schweiz verfügbar sind. Der Import dieser Vor- und Zwischenmaterialien ist jedoch teuer, da hohe Zölle anfallen – dies im Gegensatz zu vielen anderen Industrieprodukten, für deren Import nur niedrige Zölle gezahlt werden müssen. Das verteuert seinerseits die nötigen Verarbeitungsschritte und die Produktion, was sich wiederum in hohen Preisen für die Enderzeugnisse niederschlägt und die Wettbewerbsfähigkeit schmälert.

Der Bundesrat hat an seiner Sitzung vom 1. Mai 2019 beschlossen, das zumindest teilweise zu ändern. Künftig dürfen Materialien wie bspw. Garne, Zwirne, Gewebe und Gestricke zollfrei in die Schweiz eingeführt werden. Insgesamt 522 Zolltarifnummern sind betroffen.
 

Garn auf Industriekonen
Unter anderem Garn auf Industriekonen darf künftig zollfrei in die Schweiz eingeführt werden.
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Das sind die Gewinner und Verlierer

Die Textil- und Bekleidungsindustrie rechnet damit, dank der Aufhebung der Zölle auf den genannten Materialien jährlich rund 3 Millionen CHF einzusparen. Werden vorangegangene Zollaussetzungen berücksichtigt, steigt die Summe gar auf 6 Millionen CHF. Indem die Industrie diese Materialien zollfrei beschaffen kann, will sie konkurrenzfähiger werden. Ausserdem fallen gewisse Zollverfahren wie der aktive und der passive Veredelungsverkehr oder die Zollerleichterung je nach Verwendungszweck weg, die den Import von Vor- und Zwischenmaterialien heute kompliziert machen. Damit verringert sich der administrative Aufwand. Zu den Gewinnern gehören die Importeure und Verarbeiter der betroffenen Textilien. Sie hoffen auf die Schaffung vergleichbarer Wettbewerbsbedingungen gegenüber den Hauptkonkurrenten in der EU

Nicht für alle bedeutet die Zollaussetzung jedoch eine Steigerung der Konkurrenzfähigkeit. Ausländische Lieferanten bspw., welche im Rahmen von Freihandelsabkommen oder des Allgemeinen Präferenzensystems für Entwicklungsländer (APS) Waren mit einem Ursprungsnachweis liefern, profitieren bereits heute von Zollvergünstigungen. Sie haben dadurch einen Vorteil gegenüber Lieferanten in Drittstaaten bzw. Nicht-Freihandelsabkommens-Partnern, welche den vollen Zoll bezahlen müssen. Dieser Vorteil fällt künftig weg.

Insgesamt ist die Abschaffung der Zölle ein Schritt in die Richtung der vom Bundesrat angestrebten Aufhebung aller Industriezölle.

So hat sich die Schweizer Textilindustrie entwickelt

Während die Zölle heute die Produktion und Preise verteuern, waren sie früher dazu gedacht, die Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie zu schützen. Die hohen Zollansätze stammen aus den 40er Jahren, als die Schweizer Textilindustrie noch verbreitet in der Schweiz produziert hat. Damals dienten die hohen Zölle als Anreiz für die Produzenten sowie die Konsumentinnen und Konsumenten, Materialien und Endprodukte im Inland zu kaufen statt aus dem Ausland zu importieren.

Im 20. Jahrhundert schrumpfte die Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie zunehmend. Die Massenproduktion verlagerte sich zuerst nach Europa und anschliessend weiter nach Asien.

Heute sind die Schweizer Textil- und Bekleidungsunternehmen auf Nischenmärkte fokussiert und exportieren einen Grossteil ihrer Waren. Sie stellen Spezialitäten her – sowohl im hochtechnischen wie auch im hochmodischen Bereich. So produzieren sie z.B. Geflechte, die als Implantate verwendet werden, Präzisionsgewebe für Fassadenverkleidungen, Helikopterseile – aber auch Stoffkreationen für bekannte Modehäuser wie Dior, Chanel usw. Ein typisches Unternehmen der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie importiert z.B. ein Gewebe, beschichtet dieses und exportiert das daraus entstandene Produkt wieder ins Ausland.

Seile
Seile in allen möglichen Ausführungen sind nur ein Beispiel für die Vielfalt der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie
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