Das Zollgebäude wurde zu einer Festung umgebaut

Mit dem 2. Weltkrieg begann auch bei der Schweizer Grenzwache der Ausnahmezustand. In ihrem Postenordner haben Grenzwächter von Réclère-Grottes festgehalten, wie sie den Dienstalltag während des Krieges erlebten.

28.10.2019, Roman Dörr, Zollexperte, Zollinspektorat Pratteln

Der Anhang der «Orientation du poste» des Grenzwachtpostens Réclère-Grottes beschreibt die Zeit des 2.Weltkriegs aus der Sicht der dortigen Grenzwächter. Der Bericht vermittelt spürbar, dass die Beamten an der Jura-Grenze dem Geschehen direkt gegenüberstanden.

Dem Krieg entgegen

«Da die internationale Lage bereits 1937 unsicher war, hatten die Militärbehörden bezüglich des als nahe empfundenen Konflikts Schritte unternommen.» Grenzbataillone wurden gebildet, die den Ernstfall probten. «Auch die Grenzwächter nahmen an diesen taktischen Übungen teil. Denn, sobald die Schweiz im Krieg war, wurden sie [die Grenzwächter] zur Grenzverteidigung […] eingezogen. Das Zollgebäude wurde zu einer kleinen Festung umgebaut und mit Maschinengewehren, Munition und Panzerminen etc. ausgerüstet.»

Grenzwachtposten Réclère Grottes
Der Grenzwachtposten Réclère Grottes heute.
© Roman Dörr, EZV
Ausschnitt Verteidigungsplan des Postens
«Das Zollgebäude wurde zu einer kleinen Festung umgebaut…» Ausschnitt aus dem Verteidigungsplan des Postens.

Schon Ende August 1939 rückten Grenzschutztruppen ein. Am Posten Réclère-Grottes nahmen zehn Soldaten als Verstärkung der Grenzwache ihren Dienst auf. «Solange sich die Schweiz nicht im Kriegszustand befand, unterstanden diese Männer der Leitung des Postenchefs.»

Am 2. September, einen Tag nach dem Überfall auf Polen, ordnete die Schweiz die allgemeine Mobilmachung an.

Es herrschte gespannte Ruhe an der Jura-Grenze. Eine Freiwilligen-Kompanie unterstützte die Grenzwache bei der Arbeit. Zu ihren Aufgaben gehörte es, die Teilschliessung der Grenze durchzusetzen, Pässe zu kontrollieren und die Grenzbefestigungen, die scharfen Minen beim Posten sowie die Tank- und Strassensperren zu überwachen.

Flüchtlinge

Mit der Eroberung Frankreichs durch deutsche Truppen traten im Mai 1940 unzählige militärische und zivile Flüchtlinge in Réclère aus der Gegend von St. Hippolyte und Vaufrey über die Grenze. Sie brachten ihr Hab und Gut mit, darunter auch 200 Rinder.

Ab 1942 kamen täglich Franzosen, die vor der deutschen Zwangsarbeit geflohen waren, und verfolgte Juden an. Alle Flüchtlinge wurden befragt und dann entweder aufgenommen oder abgewiesen. Letzteres brachte Grenzwächter in einen moralischen Zwiespalt: «Es war manchmal sehr schwer, seine Pflicht zu erfüllen, und es zerriss uns die Seele, wenn wir diese Rückweisungen vollzogen.»

Grenzstein bei Réclère
Grenzstein bei Réclère.
© Roman Dörr, EZV
Unterbringungsplan Réclère
Unterbringungsplan für militärische und zivile Flüchtlinge, ihre Tiere und Fahrzeuge.

Agenten des Nachrichtendienstes

Um an Hinweise über Vorgänge in den Nachbarländern zu kommen, unterhielt der Nachrichtendienst der Armee ein Agentennetz. Im Abschnitt Réclère zählte die Grenzwache über dreissig solcher Agenten, welche Informationen in die Schweiz brachten. Die Grenzwächter misstrauten diesen Leuten: «Die Agenten des Dienstes glaubten aufgrund ihrer Mission, dass ihnen alles erlaubt sei und dass die Zollbeamten sie nicht kontrollieren müssten.» Häufig war die bewilligte Warenmenge überschritten. Die Beschuldigten erklärten, sie hätten diese Mehrmenge dabei, um sie im Falle einer Verhaftung den Besatzern anbieten zu können. Erst eine Intervention der Grenzwache in Bern führte zur Entlassung oder Verhaftung der Fehlbaren.

 

Grenzstein Nr. 476
Grenzstein Nr. 476 beim Grenzwachtposten, dahinter der Grenzpfad entlang der Krete.
© Roman Dörr, EZV

Schmuggel

Nach der Besetzung Frankreichs getrauten sich Schweizer Schmuggler nicht mehr über die Grenze. Geschmuggelt wurde aber nach wie vor: Die Schwärzer organisierten Waren für ihre französischen Komplizen, vor allem Tabak. «Dieses Produkt war in Frankreich Währung. Jeder, der es hatte, konnte alles bekommen, während es mit französischem Geld unmöglich war, etwas zu kaufen. Die französischen Schmuggler kamen häufig in das Dorf Réclère, wo sie mehrere Partner hatten, die ihnen Tabak lieferten, im Austausch gegen Schinken, Zigaretten, Butter, Käse, Werkzeuge aller Art, Radio-Apparate, Industriediamanten usw., die sie mitbrachten. Fälle, in denen Schmuggler mit einer Ladung von 400 Packungen à 80 g [Tabak] angehalten wurden, waren nicht aussergewöhnlich.» Für jedes Paket winkte in Frankreich ein Gewinn von 200 bis 300 Franken!

Der Modus Operandi war einfach: «Ein Auto oder ein beladener Lastwagen folgte, an vereinbarten Tagen und Stunden, unauffällig der Kantonsstrasse. Ohne anzuhalten, um nicht Aufmerksamkeit zu erwecken, wurden die Ballen bei den vorgesehenen Stellen hingeworfen, wo sie von den wartenden [französischen] Schmugglern eingesammelt wurden. […] Im Laufe des Monats September 1945 beschlagnahmten zwei Grenzwächter kurz vor Mitternacht 170kg Tabak, was einem Wert von 1’250 [Schweizer] Franken entsprach […]. Drei Schmuggler wurden festgenommen, während der Rest der Bande entkommen konnte.»

Strasse Rocourt - Damvant bei Réclère
Die Strasse Rocourt - Damvant bei Réclère.
© Roman Dörr, EZV

Forces françaises de l’intérieur (FFI)

Mit der Landung der Alliierten in der Normandie Mitte 1944 begann die Befreiung Frankreichs. «Am 18. September [1944] erreichten die ersten amerikanischen Soldaten unsere Grenze […]. Am Tag zuvor waren bereits zwei amerikanische Offiziere mit einem Jeep zum Posten gekommen.» Nach der Begrüssung und einem kurzen Gespräch mit den Schweizer Soldaten und Grenzwächtern am Schlagbaum fuhren sie wieder nach Vaufrey zurück.

Réclère - Blick nach Frankreich
Blick in den französischen Jura von Réclère aus.
© Roman Dörr, EZV
US-Offiziere an der Grenze Réclère
Zwei Amerikanische Offiziere unterhalten sich mit einem Hauptmann der Schweizer Armee am Grenzübergang Réclère-Grottes

Auf ihrem gemeinsamen Vormarsch liessen die amerikanische und die 1. Französische Armee die FFI [Forces françaises de l’intérieur] in Vaufrey als Ordnungskräfte zurück. Es waren undisziplinierte Einheiten. Diebstahl und Betrug gehörten zur Tagesordnung, was im Dorf zu Klagen führte.

Auch die Grenzwache war gefordert: «Diese unbeschäftigten Soldaten kamen in Banden von zwanzig bis dreissig Leuten an die Grenze, um Tabak oder andere Waren zu ergattern. Da ihnen die Einreise in die Schweiz verweigert wurde, fehlte wenig, um aneinander zu geraten. Der Plantondienst musste verstärkt werden. Ein Maschinengewehr wurde in Position gebracht, um sich gegebenenfalls wehren zu können.» Erst als die FFI abzog, kehrte Ruhe ein.

Markierung der Landesgrenze
Halt, Schweizer Grenze! Markierung der Landesgrenze in der Strasse Réclère - Vaufrey beim Grenzübergang Réclère-Grottes.
© Roman Dörr, EZV

Wiederaufnahme des Verkehrs

Im Sommer 1945 wurde die Grenze für den landwirtschaftlichen Verkehr geöffnet. Auch andere Verkehrsteilnehmer konnten nun die Zollstrasse benutzen. Es dauerte jedoch noch Jahre, bis sich die Lage an der Grenze normalisierte.

Landschaft bei Réclère
Die Landschaft bei Réclère von der Zollstrasse aus gesehen.
© Roman Dörr, EZV
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