Die versetzten Grenzsteine

Das nördlichste Grenzgebiet der Schweiz, der Bargemer Randen, ist eine Gegend, die zum Erzählen von Geschichten inspiriert. Forum Z. hat den Ort besucht, wo der «alte Hagedorn» sein Unwesen trieb.

17.11.2020, Roman Dörr, Zollexperte Zollstelle Pratteln

Vor langer Zeit lebte bei Bargen ein Bauer. Der «alte Hagedorn», wie er im Dorf genannt wurde, war sehr reich und habgierig. Er liess keine Gelegenheit aus, seinen Besitz zu vermehren. In der Vergangenheit hatte er bei Nachbarn unbemerkt Vieh entwendet, Holz geschlagen und in den Äckern Grenzmarken zu seinen Gunsten versetzt. Hagedorn wollte noch mehr! Er beschloss, seine Felder am Randen über die Landesgrenze hinaus zu vergrössern. «Es wird niemand merken, wenn ich die Grenzsteine gleich mitversetze», dachte er und machte sich nachts mit Laterne und Spaten heimlich auf den Weg.

Nächtlicher Frevel

Beim Schwarzen Stein [nördlichster Grenzstein der Schweiz] angekommen, spähte Hagedorn über das Feld. Niemand war zu sehen. Jetzt musste es schnell gehen! Hastig grub er den ersten Grenzstein aus, zerrte ihn einige Schritte auf badisches Gebiet und setzte ihn ein. Dann hob er Stein um Stein aus, schleppte sie von der Grenze weg und grub sie wieder ein. Hagedorn keuchte.

Zeichnung  Bauer Hagedorn
Beim Schwarzen Stein angekommen, spähte Hagedorn über das Feld. Niemand war zu sehen.
© Roman Dörr, EZV

Nun machte er sich an den letzten Grenzstein heran. Mit letzter Kraft hob er ihn aus dem Feld. «Nur noch diesen», ächzte der Bauer, «dann ist’s genug!» Er packte den Stein, um ihn wegzubringen. War der schwer! Hagedorn taumelte und stiess mit einem Fuss die Laterne um. Die Flamme erlosch und es war stockdunkel. Hagedorn sah nichts mehr. Ausgerechnet jetzt! Angst ergriff ihn und er irrte mit dem Stein in den Händen ziellos über das Feld. Irgendwo musste er ihn absetzen können, bevor ihn die Kräfte endgültig verliessen! Aber wohin? Der Frevler wankte, stolperte, liess den Grenzstein fallen, hob ihn wieder auf und torkelte weiter. Dann, ein Schrei! Hagedorn war eine Böschung hinuntergestürzt, wo ihn die Finsternis verschluckte.

Es spukt

Als die Dorfbewohner Hagedorns Verschwinden bemerkten, suchten sie ihn vergebens. Zwar wurden Hut, Spaten und Laterne gefunden, doch der Bauer blieb verschwunden. Nach und nach kamen seine Schurkereien ans Licht: das gestohlene Vieh, der heimliche Holzschlag sowie die versetzten Steine in den Äckern und an der Landesgrenze. Es wurde auch festgestellt, dass ein Grenzstein fehlte, der deshalb ersetzt werden musste. Zudem hielt sich das Gerücht, dass es seit einiger Zeit am Randen spuke. War das nur Geschwätz?

Nun wurde die Grenzwache aufgefordert, der Sache nachzugehen. Der Postenchef von Bargen, ein Wachtmeister, schickte beim Einnachten einen erfahrenen Grenzwächter als Beobachter auf den Randen. Nebelschwaden zogen dort oben still über die Felder. Dann, ein Rufen, das näherkam! Eine durchsichtige Gestalt tauchte auf, die einen Grenzstein ächzend vor sich herschleppte. Verzweifelt rief sie immer wieder: «Wo muä ner hi?» [«Wo muss er hin?»] Der Geist kam direkt auf den Grenzer zu! Dieser zückte seine Pistole, rief: «Halt, stehen bleiben oder ich schiesse!». Er schoss. Die Kugel aber flog durch das Wesen hindurch, das unentwegt rufend an ihm vorbeizog und verschwand.

Zeichnung Geist auf dem Feld
«Halt, stehen bleiben oder ich schiesse!»
© Roman Dörr, EZV

Anderntags rapportierte der Grenzwächter die Geschichte dem Postenchef.
«Du bist sicher eingenickt und hast geträumt», meinte dieser.
«Nein.»
«Doch.»
«Dann gib mir wenigstens einen zweiten Mann mit», bat der Beamte.
«Einverstanden, sagte der Wachtmeister.

In der gleichen Nacht legten sich die zwei Grenzschützer am Spuk-Ort auf die Lauer. Nichts geschah. Sie froren. Nur noch ein Schluck Schnaps konnte sie wärmen. Während sie tranken, ertönten von fern zwölf Glockenschläge. Mitternacht.
Und plötzlich stand der Geist mit dem Grenzstein vor den Wächtern und rief: «Wo muä ner hi?»
«Er muä döt hi, wot en gno häsch!» [«Er muss dorthin, wo du ihn genommen hast!»], antwortete der Jüngere geistesgegenwärtig. Sogleich drehte die Kreatur um. Die Grenzwächter folgten ihr in sicherem Abstand. Dann stellte der Geist den Grenzstein ab und grub ihn mit blossen Händen ein. Hier also hatte er gestanden! Dann wandte sich die Gestalt den Uniformierten zu. «Danke», sagte sie. «Nun bin ich frei.» Und sie löste sich langsam auf. Beide schauten sich an: Das war Hagedorn! Die Antwort hatte ihn vom Fluch entbunden.

Unerwartetes Ende

Am anderen Tag verfassten die Grenzwächter einen Bericht über die Begegnung und übergaben ihn dem Postenchef. «So etwas könnt ihr nicht schreiben, das glaubt kein Mensch!» sagte er. «Ist die Geschichte aber wahr, so zeigt mir die Stelle!»
«Ja», nickten beide. «Wir haben sie markiert.»
Dann brachen die drei auf. Am Ziel angekommen, zeigte der eine Beamte auf eine Haselrute mit einem angeknoteten Taschentuch: «Hier.» Aber was war das?  

Zeichnung Grenzwächter
«Hier!»
© Roman Dörr, EZV

Das Trio staunte nicht schlecht: Vor ihnen standen zwei identische Grenzsteine. Den Grenzwächtern dämmerte es: Der eine ist der Ersatz für den gestohlenen Stein, der zweite jener, der mit Hagedorn verschwunden war. Damit war der Spuk aufgeklärt.

Hagedorn kam nie mehr zurück. Nur manchmal vernimmt man in stürmischen Nächten vom Randen her ein fernes Rufen.  

Zeichnung Grenzsteine
© Roman Dörr, EZV
https://www.ezv.admin.ch/content/ezv/de/home/aktuell/forumz/zollgeschichte/die-versetzten-grenzsteine.html