DaziT: Das Interview zur Drittelbilanz

Das Programm DaziT zur digitalen Transformation der EZV zum Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit wurde vor drei Jahren lanciert. Geplante Umsetzungsdauer: Neun Jahre. EZV-Direktor Christian Bock und Isabelle Emmenegger, DaziT-Programmleiterin und seit dem 1. Januar 2021 ebenfalls stellvertretende Direktorin, ziehen eine erste Bilanz.

29.01.2021, Nicolas Rion

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Umsetzung des Transformationsprogramms DaziT ist – trotz Pandemie – auf Kurs.
  • Nach drei Jahren wurden mehr Ergebnisse erarbeitet, als ursprünglich geplant. Möglich macht das der konsequente Einsatz von agilen Projektmethoden.
  • Auch bei der organisatorischen Weiterentwicklung der EZV zum BAZG wurde einiges erreicht, unter anderem die Schaffung eines neuen Berufsbildes.
  • Im zweiten Drittel DaziT stehen grosse Meilensteine an, allen voran die Einführung des neuen Warenverkehrssystems Passar. Ziel ist, das Herzstück von DaziT bis 2024 umzusetzen.
Bock Chr. und Emmenegger I.

Ein Drittel des geplanten DaziT-Zeitbudgets ist verbraucht – ist das Glas ein Drittel voll oder zwei Drittel leer?

Christian Bock: Definitiv voller als geplant. Wir haben gegenüber der ursprünglichen DaziT-Planung schon mehr Ergebnisse geliefert und wir arbeiten bereits intensiv an Projekten, die eigentlich erst in einigen Jahren gestartet werden sollten und die wir beim Start von DaziT noch nicht auf dem Radar hatten. Das machen wir bewusst und setzen bei der Umsetzung konsequent auf agile Methoden. Diese erlauben uns, schneller voranzukommen, und vor allem schneller Resultate zu liefern.

Isabelle Emmenegger: Zu Beginn wollten wir neben dem Aufbau der notwendigen Programmstrukturen rasch erste Resultate liefern, unter anderem in Form von Apps. Mit QuickZoll haben wir inzwischen vier Millionen Franken eingenommen und mit Via sogar den «Best of Swiss Apps Award 2019» erhalten. Wichtiger noch: Wir haben mit diesen ersten App-Projekten viele wertvolle Erfahrungen für DaziT sammeln können, die heute nachwirken. Etwa den Mut, radikal zu vereinfachen.

Passkontrolle
Apps waren für den Aufbau des Programms wichtig, DaziT fokussiert sich nun konsequent auf die Kernsysteme.

Smartphone Apps sind schön und gut, wie ist der Fortschritt bei den Kernsystemen?

I.E.: Apps sind greifbar und bringen unseren Kunden und Mitarbeitenden einen sofortigen Mehrwert. Es ist aber klar, dass die Komplexität und der Aufwand bei den Kernsystemen wesentlich grösser sind. Die Fortschritte dauern dadurch länger. Ich denke da zum Beispiel an die erfolgreiche Einführung von SAP MDG. Wir haben dadurch wesentliche Grundlagen für das Programm Superb geschaffen. Mit der Stammdatenverwaltung gewinnt man zwar keine Awards, erzielt dafür erhebliche Effizienzsteigerungen für die Verwaltung. Mit der Anbindung an EETS (European Electronic Toll Service) haben wir schon viele Vorarbeiten für die Erneuerung des LSVA-Erfassungssystems für die inländischen Transporteure geleistet. Auch das neue ePortal und die Benutzerverwaltung im Selfcare-Prinzip wurden planmässig in Betrieb genommen und werden in Zusammenhang mit der Bierbesteuerung genutzt.

Die Koordination der Digitalisierungsvorhaben mit dem benachbarten Ausland ist sowohl ein Erfolgsfaktor und eine Herausforderung. Ziehen unsere Nachbarländer mit?

I.E.: Wir arbeiten intensiv daran und Fortschritte sind spürbar. Im November 2019 hat die Schweiz nach vielen bilateralen Vorgesprächen Vertreter aus allen Nachbarstaaten plus EU-Kommission und Norwegen zu einem mehrtätigen Workshop in Zürich eingeladen. Dort wurde die Umsetzung des von der Schweiz vorgeschlagenen «BorderTicket» im Grundsatz gutheissen. Ein wichtiger Meilenstein. Ein Pilotprojekt mit Österreich ist vorgesehen, der Start musste in Folge der Pandemie vertagt werden.

C.B.: Die Entwicklungen stimmen uns positiv, wir sind jedoch noch lange nicht am Ziel. Die internationale Koordination ist eine längerfristige Angelegenheit. Die bisherigen Arbeiten am BorderTicket zeigen, dass die Schweiz im Bereich der Digitalisierung eine führende Rolle in Europa einnehmen kann. Zudem hat die EU eigene Initiativen gestartet, die genau in die gleiche Richtung wie DaziT gehen.

Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie auf den Programmfortschritt?

C.B.: Der neue Coronavirus hat uns als operative Behörde sowohl im Grenzschutz wie auch im Handelswarenverkehr stark gefordert, insbesondere im Frühjahr 2020 als die Grenzen – zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs – geschlossen wurden und der Verkehr auf wenige Grenzübergänge mit systematischen Kontrollen kanalisiert wurde. Wir konnten rasch reagieren, grosse Staus blieben aus. Corona hat aus meiner Sicht deutlich gezeigt, dass der eingeschlagene Weg mit DaziT zu mehr Digitalisierung und organisatorischer Flexibilität absolut richtig und wichtig ist.

I.E.: Im Gegensatz zu den operativen Einsatzkräften, die Tag und Nacht an der Grenze standen, konnten die Projektmitwirkenden auch in der ausserordentlichen Lage aus dem Home- Office ohne Unterbruch weiterarbeiten. Für die bereits gut eingespielten Teams war es ein leichtes, die Zusammenarbeit in den virtuellen Raum zu verlagern. Sogar der grosse Planungsevent, das PI Planning, konnte durchgeführt werden, mit knapp 40 Personen vor Ort und rund 200 Online dazu.

Bock Chr.

Das grosse T von DaziT steht bekanntlich für Transformation. Wie weit ist die organisatorische Weiterentwicklung der EZV zum Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) fortgeschritten?

C.B.: In der Sonderbotschaft DaziT, die das Parlament im Jahr 2017 verabschiedet hat, stand die Digitalisierung noch klar im Vordergrund. Die Notwendigkeit einer parallelen organisatorischen Weiterentwicklung war zwar erkannt, konkrete Stossrichtungen und Projekte waren damals jedoch nur skizziert. Wir haben in den zwei letzten Jahren in diesem Bereich einiges erreicht. Die Vernehmlassung zur Totalrevision des Zollgesetzes wurde soeben abgeschlossen. Nun werden die Stellungnahmen ausgewertet. Die neue Organisationsstruktur wird seit einem Jahr schon weitgehend gelebt: Sechs neue Direktionsbereiche sowie harmonisierte Strukturen auf Regional- und Lokalebene. Die Rekrutierung für die Ausbildung zum neuen Berufsbild «Fachspezialist/in Zoll und Grenzsicherheit» läuft. Der neu konzipierte Lehrgang startet am 2. August. Im nächsten Schritt nehmen wir die gestaffelte Ausbildung der rund 3000 bisherigen Mitarbeitenden in Angriff. Einheitliche Uniformen werden dieses Jahr ausgeliefert, die offizielle Umbenennung von EZV auf BAZG erfolgt in einem Jahr. Die Fahrzeugflotte wird schrittweise modernisiert, um mobiles Arbeiten zu ermöglichen. Erste Immobilienprojekte nehmen Formen an, wie das neue Kontrollzentrum in St. Margrethen.

EETS Lastwagen
Die Anbindung am European Electronic Toll Service ist eine Vorarbeit für die Erneuerung des LSVA-Erfassungssystems.

Wenn Sie auf drei Jahre DaziT zurückblicken – worauf kommt es für den Erfolg der Transformation aus Ihrer Sicht wirklich an?

I.E.: Eindeutig auf die Menschen! Klar, ohne Strukturen, Methoden oder Geld geht auch hier nichts. Aber wirklich entscheidend sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auf allen Ebenen der Organisation zur Transformation beitragen.

C.B.: Das kann ich nur unterstreichen. Einen weiteren Faktor möchte ich unbedingt hinzufügen: Digitalisierung geht nicht ohne Vereinfachung. Ich habe in den vergangenen drei Jahren die Aussage von Thorsten Dirks, ehemaliger CEO von Telefónica Deutschland, unzählige Male in Erinnerung gerufen: «Wenn sie einen Scheissprozess digitalisieren, dann haben sie einen Scheissdigitalprozess.» Und selbst das greift zu kurz: Angesichts der enormen Herausforderungen, die uns bevorstehen, genügen auch Prozessvereinfachung und -digitalisierung nicht mehr. Was es braucht, ist eine echte, tiefgreifende digitale Transformation, die alle Dimensionen einer Organisation miteinbezieht.

Wo steht DaziT in drei Jahren?

I.E.: Im zweiten Drittel DaziT stehen grosse Meilensteine an, allen voran die Einführung des neuen Warenverkehrssystems Passar Mitte 2023. Wir werden alles daransetzen, die Migration von e-dec und NCTS zu Passar möglichst reibungslos über die Bühne zu bringen. Das bedingt eine saubere Planung in enger Abstimmung mit der Wirtschaft. Darüber hinaus werden wir ein neues Grenzkontrollsystem einführen, inklusive den neuesten Weiterentwicklungen von Schengen/Dublin. Die Mitarbeitenden können es ausserdem kaum erwarten, dass wir die heutigen drei Rapportierungssysteme endlich durch eine einheitliche und einfachere Anwendung ablösen. Mit dem Start der neuen Ausbildung im August und der Erstellung der Botschaft zur Revision des Zollgesetzes samt Gesetzes- und Verordnungsanpassungen steht uns aber schon dieses Jahr Grosses bevor.

C.B.: Unser Ziel ist, das Herzstück von DaziT bis 2024 umzusetzen. Danach können wir erweitern und optimieren. Die Laufzeit von DaziT hängt allerdings nur teilweise von der Umsetzung der Digitalisierungsprojekte ab. Bei den Immobilienprojekten beispielsweise haben wir einen Horizont von mehreren Jahrzehnten. Entscheidend ist, dass die DaziT-Kultur, also die konstante Anpassung an neue Bedürfnisse, in kleinen Schritten und mit steiler Lernkurve, verankert wird und auch nach dem formellen Programmende weiterlebt.

Emmenegger I.
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